Willkommen in der Wirklichkeit - Tipps für die Strassenumfrage 1

vom 25.11.2012

Papierprototyp für Usability-TestMeinungen einfangen zu neuer Struktur und neuem Aussehen einer Internet-Seite: Wo geht das besser als in der Osnabrücker Fußgängerzone an einem kalten, aber belebten Samstag morgen bis nachmittag? Nirgendwo anders in der Welt vermutlich, da bin ich mir ziemlich sicher.


Folgende Tests hatten wir für die Teilnehmer vorbereitet:

  • Treffen einer grundsätzlichen Aussage darüber, was sie von einer Internet-Seite wie der unseren in Zukunft erwarten
  • Ordnen bestimmter Themen und Navigationspunkte in der gewünschten Reihenfolge nach Interesse und Vorliebe
  • Bewerten eines Papierprototypen der möglichen neuen Internet-Seite auf Übersichtlichkeit, Seriosität und ähnlichem
Anschließend oder währenddessen wollten wir ein Stimmungsbild der bisherigen Internet-Seite und allgemeine Informationen über unsere Nutzer erfahren, ohne sie direkt ausfragen zu müssen.

Insgesamt lief es grundsätzlich so ab:
  • Finden von Freiwilligen durch beliebiges Ansprechen von Passanten
  • Hereinbitten in ein Café, um ein bisschen Ruhe zu haben
  • Erklären des Vorhabens
  • Durchführen der drei Tests
  • Anschließend noch die Frage, ob die Teilnehmer auch Interesse an einem richtigen Benutzungstest in ein paar Monaten hätten
  • Aushändigen eines Gutscheins (heiße Waffeln!) als Dankeschön

Gut funktioniert hat:
  • Ein einfache Frage zum Aufwärmen. Hätte man gleich die komplexeste Frage ausgepackt, wäre das Gespräch nicht weiter gut verlaufen. Die positive Reaktion nach unserer ersten Frage war: "Das war's schon?". Somit konnten wir beruhigt weitermachen, und klammheimlich die aufwendigeren Tests durchführen.
  • Der Samstag morgen bis nachmittag als Zeitfenster. Hier war das Publikum deutlich gemischter als an normalen Nachmittagen. Außerdem hatten viele viel mehr Zeit als in Woche.
  • Zwei Personen, die die Tests durchführen, müssen sein, einer der hauptsächlich fragt und nachhakt, einer der protokolliert. In unserem Fall kam die Kombination Mann/Frau gut an.
  • Die kleinen Karten zum Sortieren nicht einfach nur auf dem Papier ausschneiden, sondern auf feste "Kapa Platten" kleben. Diese Platten kosten nicht viel, und geben den Karten ein deutlich besseres Greifgefühl. Notiz an uns für nächstes Mal: Die Karten nummerieren, denn das ist deutlich schneller zu protokollieren und auszuwerten.
  • Pärchen ansprechen. Bei Leuten, die alleine unterwegs waren, hatten wir den Eindruck, dass einige regelrechte Angst vor uns haben. Mit dem Partner ist die Hemmschwelle deutlich niedriger. Nach ein paar Stunden sieht man auch, wer sich auf ein Gespräch einlassen könnte und wer es ganz furchtbar eilig hat. Bei Pärchen nur während des Tests darauf achten, dass Beiden Gelegenheit zum Antworten gegeben wird.
  • Ein Gutschein als Dankeschön ist besser als Geld. In unserem Fall hatten wir Gutscheine für heiße Waffeln mit Sahne und Kirschen und Kaffee. Klingt deutlich besser als 4 Euro, oder?
Unsere Karten zum Sortieren der Navigationspunkte

Schlecht funktioniert hat:
  • Selbst kreativ werden konnten die Teilnehmer leider nicht. Dazu reichte die Zeit nicht, die Erklärungen müssten länger sein und außerdem kommen die meisten Menschen erst in einer Gruppendiskussion auf wirklich gute Ideen. Man kann in einer solchen Situation also nur Sachen abfragen und ein bisschen plaudern.
  • Auf einem Papierprototyp lassen sich Animationen natürlich nur schwer darstellen. Wir haben für unsere Startseite jedoch einen Bereich geplant, in dem Bilder automatisch nacheinander angezeigt werden. Das führte zu Missverständnissen und zu der vorläufigen Meinung, dass dieser Bereich nicht zu verstehen sei.

Denken muss man an:
  • Den Test vorher einmal zu testen. Der gute Usability-Engineer testet alles vorher, das sollte er bei eigenen Umfragen nicht vergessen. Beim Durchspielen mit Kollegen waren wir bei knapp 45 Minuten. Absolut nicht geeignet für einen solchen Test. "Haben Sie mal kurz 45 Minuten Zeit?" - da würde niemand stehenbleiben. Also haben wir die Fragen und Antwortmöglichkeiten deutlich reduziert, und schon blieben nur noch 15 Minuten übrig. Dadurch, dass es so schnell ging, sind die Teilnehmer auch gerne noch länger geblieben.
  • Einen Gesprächsleitfaden, entweder zum Ablesen oder zum Auswendiglernen. So vergisst man keine Fragen und solche wichtigen Dinge wie den Teilnehmern den Gutschein zu geben.
  • Eine Atmosphäre, in der man abschalten kann. Ein Café scheint trotz der Umgebungslautstärke doch sehr gut geeignet zu sein.
  • Die Zeit einigermaßen einhalten und notfalls den Teilnehmer nicht zu weit abschweifen zu lassen. Unsere Tests haben im Schnitt 15 Minuten gedauert und dann nochmal 10 Minuten für die Nachbereitung und neue Leute zu finden. In 5 Stunden haben wir 13 Leute am Tisch sitzen gehabt. Das ist schon ziemlich gut.
  • Den Laptop beim Protokollieren so stellen, dass die Teilnehmer ein bisschen mitgucken können. Damit sieht es nicht es nicht so aus, als würde man was Geheimes mitschreiben. Wir haben das leider vergessen.

Stolperfallen waren:
  • Bei reinen Papierprototypen können sich scheinbar nicht alle Leute auf Anhieb vorstellen, dass große, weiße Freiräume Bilder darstellen könnten. Das müsste vorher vermutlich erst sehr lange erklärt werden. Darum sollte der gleiche Prototyp noch einmal vorliegen, mit echten Bildern drin. Zumindest wenn die Bilder, wie in unserem Fall, eine große Relevanz haben.
  • Bei solch einer Umfrage in der Innenstadt erweckt man schnell den Eindruck, dass man mit unversiegelten Blechbüchsen Geld für ein nicht vorhandenes Tierheim sammelt. Darum muss man mit den ersten Sätzen klar machen, worum es geht (nicht um Tiere). Zusätzlich ist eine weitere Bestätigung nochmal deutlich besser. Wir hatten Jacken mit den Logos unserer Firma dabei.

Zum Schluss: Tests in freier Umgebung machen ziemlich sehr viel Spaß. Sie sind kostengünstig und ermöglichen den direkten Draht zum Nutzer. Noch perfekter wäre es allerdings bei Sonnenschein und etwas mehr als 10 Grad.


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1 Kommentar

Jan meint am 10.01.2013:
Hallo Martin, dein Kommentar wurde hierhin verschoben.


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